Fotoausstellung - Kreuz und Quer durch die Köllnische Heide

Die Köllnische Heide ist ganz einfach zu erreichen: auf der Autobahn fahren und schon ist man in der Grenzallee. Aber auch mit der S-Bahn oder dem Bus kommt man gut hin. Im westlichen Teil des Gebietes befindet sich die S-Bahnstation „Sonnenallee“ und im Nordwesten die Station „Köllnische Heide“. Die S-Bahnlinien S45/46/41/42 verbinden die Köllnische Heide mit dem Rest der Welt.

Wie groß ist die Köllnische Heide? Einfach gesagt hat sie eine Fläche von 393,8063 Hektar – doch damit kann man ja nichts anfangen! Das sind ungefähr 317 Fußballfelder. Viel einfacher lässt sich da die Größe erfassen, indem man die Grenzen des Gebietes beschreibt. Im Norden und Osten stößt das Gebiet auf den Bezirk Treptow und den Güterbahnhof Treptow. Im Nordwesten grenzt die Köllnische Heide an die Walter-, Karl-Marx-, Saale-, Eder- und Weserstraße. Im Südwesten reicht das Gebiet fast bis zur S-Bahnstation Neukölln und wird durch den Unterhafen und einen Schifffahrtskanal begrenzt. Zudem ist da auch noch die Grenzallee. Im Süden wird die Köllnische Heide durch den Britzer-Zweig-Kanal begrenzt. Im Südosten bilden die Fritzi‑Massary-Straße und der Michael-Bohnen-Ring die Grenze zu Treptow. Im Osten der Köllnischen Heide wird das Gebiet durch den Heidekampgraben, dem ehemaligen Mauerstreifen, auf dem sich heute ein Naturerkundungspfad befindet, begrenzt, durch den teilweise ein kleines Bächlein an der ehemaligen Grenze entlang bis in den Norden fließt.
Die Köllnische Heide wird von drei größeren Straßen durchzogen: Diagonal verlaufen der Dammweg/ die Grenzallee, die Lahnstraße/ Neuköllnische Allee und natürlich auch die Sonnenallee durch das Gebiet.

Zwischen Sonnenallee und Autobahn im Südwesten der Köllnischen Heide ist ein Industriegebiet angesiedelt, in dem es viele bunte Fassaden gibt. Über den Dächern ist immer ein müder Cowboy zu sehen. Er ist bestimmt zehn Meter groß und von allen Seiten beleuchtet. Er dreht sich unermüdlich um seine eigene Achse. Rauchend trägt er seinen Pferdesattel auf der Schulter – das übliche Gefühl von Abenteuer und Freiheit. Diese überdimensionale Figur steht auf dem Dach der Firma Philip Morris mitten im Industriegebiet in der Köllnischen Heide. Bei günstiger Windrichtung weht einem Duft von frisch geröstetem Kaffee von der Firma „Kaffeehag“ in die Nase oder ein wohlig riechender Schokoladenduft von „Bahlsen“. Am Abend vermischt sich all das mit dem Schweiß und lauten Torgeschrei der auf dem Kunstrasen spielenden Freizeitkicker – und Toooor.

In der Köllnischen Heide gibt es eine ganze Menge zu sehen: es gibt ein Arbeitsamt, eine Kirche und eine Moschee, einen Taxistand im Dammweg, einen Friedhof, sechs Schrebergärtenkolonien, fünf Sportplätze, einen Märchenpark/ den Schulenburgpark, einen Schrottplatz. Zudem gibt es fünf Kindergärten und drei Schulen: die Sonnengrundschule im Dammweg, die Hänselgrundschule in der Hänselstraße und die Kepler-Oberschule in der Zwillingstrasse.
Und damit sich die Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit nicht langweilen, gibt es noch eine ganze Menge Kinder-, Jugend- und Freizeiteinrichtungen: Das Jugendzentrum Grenzallee in der Grenzallee, den Kinderclub Dammweg im Dammweg, den Jugendclub The Corner in der Neuköllnischen Allee, einen Zirkuswagen in der High-Deck-Siedlung, eine Bastelstube in der Steinbockstraße, eine Spielzeugkiste im Michael-Bohnen-Ring sowie den Kindertreff Waschküche in der Heinrich-Schlusnus-Straße.

In der Köllnischen Heide ist aber nicht nur alles schön. Aufgrund sozialer Spannungen wurde in der High-Deck-Siedlung ein Quartiersmanagementgebiet eingerichtet und in der Dammwegsiedlung/ Weißen Siedlung ein Stadtteilmanagement (Präventionsgebiet).

Wer denkt, die Köllnische Heide sehe überall gleich aus, weil überall die selben Häuser stehen, hat sich mächtig getäuscht! Es gibt hohe und niedrige Häuser, Fußgängerwege über Parkplätzen, ein riesiges Hotel und Kleingartenkolonien. Das Hochhaus an der Ecke Dammweg/ Sonnenallee hat 25 Etagen, aber auch in der Weißen Siedlung gibt es zahlreiche weitere sehr hohe Häuser, von denen aus man einen tollen Blick über Berlin hat. Einen Kontrast zu den Hochhäusern bilden die Kleingartenkolonien in denen nur flache Lauben stehen. Die High-Deck-Siedlung könnte man als Betonsiedlung beschreiben. Auf manchen mag sie kahl und fremd wirken, aber spannend ist sie auf jeden Fall: Die Häuser sind mit vielen Brücken für Fußgänger verbunden. Im Südwesten der Sonnenallee stehen Neubauten, die einen Kontrast zur High-Deck-Siedlung bilden.
Doch das wohl größte Gebäude der Köllnischen Heide ist das Estrel-Hotel in der Zigrastraße, das Europas größter Convention-, Entertainment- und Hotelkomplex ist. Durch seine großen Glasfassaden hebt es sich deutlich vom Rest der Köllnischen Heide ab.

Für unser Vorhaben stellten wir uns mitten auf den Weg zur Weißen Siedlung mit der Hoffnung, die potenziellen Einwohner der Köllnischen Heide porträtieren zu können. Und schon erschien die erste Person. Wir fragten sie, ob wir sie fotografieren dürfen: „Hallo, Guten Tag! Wir sind … . Hätten Sie Interesse? Dürfen wir ein paar Fotos von Ihnen für unsere Ausstellung machen? Wohnen Sie hier? …“ Viele haben sich sofort dagegen gesträubt, uns nicht einmal richtig zugehört. Sie sind weiter gegangen, andere wiederum meinten betonen zu müssen, warum sie keine Lust hatten. Die Ausreden waren sehr unterschiedlich, von „Ach wissen sie, ick habe jerade keene Zeit", „Nee kein Interesse", „Lass mir bloß in Ruhe" bis „Nein, lieber nicht. Womöglich sehen die vom Arbeitsamt, wie gut es mir geht und streichen mein Arbeitslosengeld“.

„Ich lasse mich doch noch nicht von einem fremd aussehenden Fremden fotografieren!“ In einem Bezirk mit einer der höchsten Immigrantenquoten! Von den Leuten, die hier wohnen, lässt sich kaum jemand fotografieren. Manche ihrer Gründe sind plausibel, andere lehnen ab, vielleicht bedingt durch die religiöse Einstellung, ob sie nun Türken bzw. Türkinnen oder AraberInnen sind. Das Ergebnis ist, dass die meisten sich nicht fotografieren lassen. „Ach, ich kriege Ärger, wenn mein Bruder mich sehen würde.“ Aber hier gibt es auch Unsicherheit vor etwas Unsichtbarem, das – wer weiß – einem vielleicht Unheil bringen könnte.

Das ist die Poesie der Straße. Oma Krause lässt sich nicht gerne fotografieren. Sie sorgt sich um ihre wenige Rente. Sie sagte, sie dürfe nicht fröhlich aussehen, denn wer weiß, vielleicht sehe dann einer vom Amt, dass es ihr gut geht, dann würden sie ihr auch das letzte wenige Geld streichen.

Es gab auch andere, die nach dem ersten Satz doch redselig zu sprechen begannen, die von ihren Ängsten und Sorgen, Unsicherheit, Kriminalität und so weiter erzählten. Viele wohnen seit eh und je hier in der Siedlung und so kam unweigerlich: „Früher war alles besser.“ „Wissen se“, sagt ein gesetzter Mann, „heut zu Tage belauern sie einen, um dich dann in deine Wohnung zu überfallen. Wie meine Nachbarin. Die haben sie neun Jahre lang belauert, bis sie dann zugeschlagen haben. Zu zweit waren sie. Einer wartete vor der Tür mit einem Handy, während der andere alles mitnahm, außer den Fernseher, der war ihnen zu schwer, glob ick. Was meinen sie, wer die waren? Ach, dass ist klar, wer sie sind. Die janzen Arbeitslosen, die keen Jeld haben. Von irgendwat müssen sie leben, irgendwie für ihren Unterhalt sorgen, dann passieren solche Dinge.“

Manchem der Bürger möchte man stundenlang zuhören, als ob sie auf einmal den Kopf heben, um die alte Stadt, das inzwischen veränderte Berlin, in ihrer Erinnerung nachzublättern. Ihre Augen glänzen, sie schauen um sich, lächeln. Dabei sehen sich wieder als kleine Mädels und Jungs hier in ihrem Kiez spielen, samstagabends in die Disco gehen. „Ach es waren Zeiten!“ klingt es wehmütig aus ihnen. „Machen Sie Fotos so viel wie Sie wollen. Wenn mein olles Foto Ihnen nützlich sein kann, meinet wegen.“, lächelt sie wieder.

Viele der Befragten geben an, sie würden gerne hier weg ziehen wollen, weil die Wohnungen zu teuer sind und die Umgebung „Angst und bange macht". Sie schaffen es nicht: „Ich habe in meine Küche investiert. Mir tut es weh, alles stehen lassen zu müssen.“ Ein Anderer sagt: „Ich weiß nicht wohin, aber eines Tages werde ich weg ziehen. Ich werde schon einen Ort finden.“ Das klingt wie ein Monolog: Einer, der sich Mut macht, in die Ferne schauend nach einem geeigneten Ort sucht, der wahrscheinlich ein oder zwei U-Bahnstationen von hier entfernt sein kann.
Uns tun die alten Leute Leid, die Armen gehen Tag täglich mit Angst und Bange herum, glauben ständig, es könnte ihnen was passieren. Am liebsten würden wir ihnen helfen, sie anderswo einquartieren, aber kennen Sie den Satz „Alte Bäume versetzt man nicht."?
Ein Zeitungshändler guckt bedächtig und sagt: „Hmm, mir ist nicht daran gelegen, etwas aus meinem Laden nach draußen zu stellen, aus Sicherheitsgründen. Ihr versteht, was ich meine.“ Aber erstaunlicher Weise wird sein Ton weicher, gleichzeitig leiser: „Glaubt mir, hier ist oft eingebrochen worden. Deshalb ist mir ungeheuer. Einverstanden?“ „Jawohl, einverstanden.“
„Leben sie gern hier?“ fragen wir. „Ach wissen sie, früher ja, aber jetzt. Ach, ich weiß nicht. Ich hab nichts dagegen. Ich will nichts sagen, aber wenn die teure Einrichtung meiner Küche nicht wäre, wäre ich schon längst hier weg gezogen.“ „Und wohin?“ „Irgendwohin, wo es ruhig ist. Meinetwegen Rudow oder Treptow. Na ja, aber es tut mir weh, meine Küche, in die ich so viel Geld und so viele Liebe investiert habe, einfach stehen lassen. Ach, ich weiß nicht.“

Unsere Jungs. Unsere Jungs haben viel Sinn für Unsinn. Sie sind in der Lage, einen zum Wahnsinn zu treiben. Doch wenn du sie grade mal ohne ihr Gehabe erwischst – wie unschuldig, mit friedfertiger Miene sie da sitzen und einem Engel gleichen, Engeln zum Verlieben.

Wenn man hier durch die Straßen der Köllnischen Heide geht, begegnet man unweigerlich beinahe zu jeder Tageszeit Jungs, die mit ihren aufgeblähten Muskeln protzen, laut lachen und alles Mögliche anstellen, damit sie auffallen. Sie belauern die Mädels, „deren Blicke Steine schmelzen könnten" sagte mir ein Junge. Sie hoffen, wenigstens etwas von deren Duft abzukriegen. Sie begegnen sich auf halben Weg zwischen Schule und Jugendzentrum – ob je etwas daraus wird, das wissen wir nicht.

Unsere Mädchen. Unsere Mädchen sind ebenfalls in der Lage, einen zum Wahnsinn zu treiben. Sie takeln sich auf, als ob es kein Morgen gäbe, und wollen auffallen, in der Hoffnung, der auserwählte Junge bemerkt einen. Sie sind entweder sehr selbstbewusst und quietschlaut oder zurückhaltend und schüchtern. Die Selbstbewussten geizen nicht mit ihren Reizen und die Zurückhaltenden entdecken neue Seiten, wenn sie sich trauen, aus sich herauszukommen. Sie träumen davon, den Richtigen abzubekommen, doch ob die Geschichte ein glückliches Ende hat, das wissen wir nicht.

Im Schulenburg Park am Märchenbrunnen trafen wir eine alte Dame von 89 Jahren. Sie sagte: „Hier lauern viele Geschichten – hinter einem Baum, auf einem Ast. Wenn man hier herum geht, erfährt man viele Geschichten u. Anekdoten. Manche mit Seltenheitswert, vorausgesetzt man hält die Augen und Ohren offen.“ Sie erzählte mir dann die Geschichte von drei Mäusen, die auszogen, um die große Welt kennen zu lernen: „Vor langer, langer Zeit machten sich drei Mäuse auf den Weg, die Welt zu erkunden. Sie reisten überall in die Welt, bereisten viele Länder. Als sie schließlich von vielen Reisen müde wurden, ließ sich die eine in Australien nieder. Die Zweite heiratete einen reichen Öl-Scheich und die Dritte wurde Sängerin in einem Club am Kurfürstendamm. Alle paar Jahre treffen sich die Freundinnen wieder. Bei reichlich Eierlikör und Schwarzwälder Torte erzählen sie von ihren Erlebnissen und Geschichten aller Art. Die eine erzählt dann von den hüpfenden Kängurus in Australien, die andere von den Reichtümern des Öl-Scheichs und die Dritte singt ihnen die Ballade von den drei Mäusen, die sich auf den Weg machten, die Welt kennen zu lernen.“

Wenn man in die Fenster schaut, möchte man glauben, dass man dort in dem warmen Licht der Stuben Leute wohnen sieht, die sich ein Zuhause gestaltet haben. Jeder von ihnen hat in seinem Innern eine winzig kleine Hoffnung, sei es eine gute Note, einen schönen Urlaub oder wenigstens ein Abend ohne Streit. Auch wenn jeder seinen eigenen Weg geht, halten doch alle zusammen, damit es der Familie einen Sinn gibt – auch wenn jeder seine kleinen und großen Sorgen hat, bleiben sie zusammen. So schreibt es ein unsichtbares Gesetz vor in Neukölln und anderswo.

Weißt du, wie die ganzen Leute heißen, Leute wie du und ich, die wir nie kennen lernen werden? Aber wir sagen dir, wie sie alle heißen könnten: Fangen wir mal an mit Aase, Abou, Adnan, Adrian, Ali, Andreas, Angelika, Anja, Anne, Angelique, Ansgar, Anton, Antonia, Atura, Aylin,  Bastian, Benjamin, Can, Charles, Charlotte, Christian, Claudia, , Daniel, Deniz, Dilan, Doreen, Duc, Elisabeth, Enrique, Ercan, Erdogan, Eva, Ezgi, Fabian, Fatma, Felix, Frank, Frauke, Friederike, Gertrud, Gustav, Hang, Hanna, Hannelore, Hans, Hassan, Hassine, Helin, Herbert, Hüsnü, Hussewin, Ibrahim, Ines, Ingrid, Iris, Jana, Jasmin, Jens, Jessica, John, Jimi, Jelal, Jonas, Jonathan, Karsten, Kassem, Kemal, Klaus-Peter, Knut, Kristina, Lars, Laura, Lena, Lili, Lisbet, Lotta, Lucia, Ludwig, Mahmoud, Malis, Manu, Maria, Marjan, Mathilde, Mats, Maureen, Max, Meryem, Michael, Milad, Mohamad, Mustafa, Nilgün, Nils, Nina, Ole, Olgar,Omar, Özgür, Özlem, Pascal, Paula, Peggi, Rabih, Ragna, Rainer, Razan, Regina, Robert, Roman, Sabine, Sabrina, Saied, Sascha, Seda , Seher, Seren, Serkan, Serpil, Sofia, Stefan, Steffi, Tanja, Theresa, Thi, Tine, Tobias, Torsten, Ulrich, Werner, Ümit, Yamen, Zeynep.

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